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Lehnwörter

Da es ja während der Olympischen Spiele so viel Chinesisch zu hören gab, an dieser Stelle ein kurzer Hinweis: 60 Prozent der vietnamesischen Wörter sind angeblich Lehnwörter aus dem Chinesischen. Wenn es in den Bereich Politik/Verwaltung geht, dann steigt diese Zahl sogar noch auf 70 bis 80 Prozent.

Es klingt allerdings trotzdem ganz anders, beim Mandarin sind offenbar sehr viele Zischlaute drin, zumindest scheint das beim Hören so. Sehr viel “chich” und “schischi” und sowas. Das fehlt im Vietnamesischen weitestgehend. Für Deutsch lernende Vietnamesen sind die ganzen deutschen Kehllaute “ch” ein Graus. Anscheinend ungefähr so schwer wie für Deutsche die vietnamesische Vokalbetonung.

Erhaben unter dem Wellblech

Geld fließt ins Land… oder?

Die neuesten Zahlen für Auslandsinvestitionen in Vietnam liegen irgendwo bei 40 Milliarden US-Dollar. Oder 45 Milliarden. So ganz kommt man da mittlerweile schon nicht mehr mit, und was sind bei solchen Höhen noch 5 Milliarden mehr oder weniger. Die offizielle Halbjahreszahl war 31,6 Milliarden, aber das ist ja auch schon wieder mehr als einen Monat her.

Vergangenes Jahr war es noch die Hälfte, nämlich etwa 20 Millarden, und als ich in Vietnam ankam, waren es 10-12 Millarden. Grob gesagt verdoppelt sich also jedes Jahr das Geld, das ausländische Investoren nach Vietnam schaufeln.

Oder auch nicht.

Denn mit Auslandsinvestitionen ist das immer so eine Sache. Es gibt verschiedene Arten, sie zu berechnen, und es gibt auf verschiedene Möglichkeiten, sie auszuweisen. Die Mega-Zahlen, die zur Zeit durch den Raum geistern, sind das “registrierte Kapital”. Anders gesagt, das Geld, was Firmen zugesagt haben, insgesamt in ihre Projekte investieren zu wollen.

Um es bildlich zu machen: Eine Firma entscheidet sich, einen Produktionsstandort in Vietnam aufzubauen. Für den gesamten Bauprozess rechnet sie mit Ausgabesumme X. Sagen wir 50 Millionen. Soviel soll also alles insgesamt kosten: Die Baumaterialien, die Arbeiter, die Maschinen, das ganze Drumherum eben, bis die Halle dann mal steht und produziert.

Solche Firmen gibt es einige: Die taiwanesische Formosa-Gruppe will 7,8 Milliarden in einen Hafen- und Stahlkomplex stecken. Brunei will 4,3 Millarden für teure Touristen-Bunker ausgeben und eine Firma namens “Asia Coast Development” mit Sitz in Kanada auch nochmal 4,2 Milliarden für eine Tourismus-Meile im südvietnamesischen Badeort Vung Tau. 4,2 Millarden US-Dollar, das bedeutet 9000 Luxushotelbetten und ein Kasino für Superreiche. Unter anderem.

Das sind ungeheure Summen. Bis vor kurzem galt Intel noch als der größte Investor in Vietnam, mit seinem Ein-Millarden-Dollar-Projekt, einer Chipfabrik außerhalb von Hanoi. Mehrere tausend Arbeitsplätze soll diese Fabrik schaffen. Zur Zeit kursiert sie allerdings eher als Negativbeispiel für Auslandsinvestitionen durch die wissenschaftlichen Blätter, weil Intel nach einem ersten Bewerber-Check merkte, dass man möglicherweise vor Ort gar nicht genug qualifizierte Arbeitskräfte findet. In den hochqualifizierten Sektoren, wohlgemerkt. Von 2000 getesteten Studenten der fünf besten Technik-Universitäten entsprachen nur 40 Intels Minimal-Standards.

Das zweite Problem ergibt sich aus einer simplen zeitlichen Überlegung. Eine Firma entsteht nicht über Nacht. Auch nicht in Vietnam. Bis die ganzen milliardenschweren Projekte also stehen, wird Zeit vergehen. Bis das Geld tatsächlich fließt, auch.

Die tatsächliche Zahl an ins Land geflossenen Investitionen klingt deswegen schon ernüchternder: Es sind für dieses Jahr nur 6 Milliarden US-Dollar. (Wir erinnern uns: Anstelle von 45. Oder 40. Die paar Millarden mehr oder weniger…).

Kompliziert wird es dadurch, dass je nach Statistik auch Immobilienspekulationen oder Börseninvestitionen mit reingerechnet werden können. Also Geld, das keine Arbeitsplätze schafft, und im Zweifelsfall auch schnell wieder verschwunden ist. Und zu allem Überfluss tobt in der Wirtschaftswissenschaft auch noch ein langer Streit darüber, was die vielgelobten “Auslandsinvestitionen” unter dem Strich einer Drittweltwirschaft tatsächlich einbringen.

Was bleibt? Immerhin die positive Erkenntnis, dass ausländische Firmen trotz jüngster vietnamesischer Wirtschaftsprobleme immer noch an eine langfristige Perspektive glauben, und in der Hoffnung auf Rendite ins Land kommen. Und eine Menge offener Fragen.

Ob der Badeort Vung Tau tatsächlich einen 4-Milliarden-Touristenkomplex benötigt, beispielsweise. Und wann wohl der erste Intel-Chip in Vietnam produziert wird.

Unfertig

Olympia-TV: Bilanz

In der zweiten Woche hat sich die Übertragung im Fernsehen dann doch nochmal im Gegensatz zu dem chaotischen Beginn gesteigert. Es gab fast keine zehnminütigen Abstecher ins Nirgendwo mehr, und die Themenwahl wirkte insgesamt etwas stimmiger. In der Tat gab es dann so etwas wie “asiatisches Flair”: Ich habe noch nie soviel Boxen und Gewichtheben verfolgen dürfen. Zwei Sportarten, bei denen die Asiaten zumindest in den unteren Gewichtsklassen in der Tat unglaublich dominant sind. Dazu natürlich Taekwondo, Bogenschießen, Tischtennis und Turnen.

Dazu gab es auch einige echte Höhepunkte: Bogenschießen ist ein sehr eleganter, packender Sport. Und vor allem: Das wahnsinnig spannende Badminton-Match zwischen der eingedeutschen Spielerin Huaiwen Xu und der Top-Favoritin Xie Xifang war ein echter Krimi, der den deutschen Fernsehzuschauern vorenthalten wurde (zumindest live), weil da gerade glaube ich die Handballer irgend ein Vorrunden-Match hatten. Oder die Hockey-Herren.

Womit wir beim Thema wären, was nicht gezeigt wurde. Hockey zum Beispiel. Wasserball. Reiten, Segeln oder Bahnradfahren. Und Rudern oder Kanu nur in homöopathischen Dosen. Alles Sportarten, in denen die Deutschen traditionell nicht schlecht abschneiden, die hier aber niemanden interessieren. Vor allem das Fehlen der Reitsport-Wettbewerbe war sehr auffällig für einen deutsch-sozialisierten Fernsehzuschauer.

Insgesamt aber eine schöne Sache. Vor allem, dass ich für die morgendlichen Wettbewerbe nicht um 4 Uhr aufstehen musste. Jetzt mal schauen, ob ich 2012 schon wieder in Europa bin, oder ob ich dann Fabian Hambüchens Goldmedaille am Reck um 3 Uhr nachts verfolgen muss.

Achso, in Vietnam ist die Verwirrung übrigens perfekt: Man hat tatsächlich eine Bronze-Medaille im Wushu gewonnen. Die vietnamesischen Zeitungen haben sich jetzt ihren eigenen Medaillenspiegel gebastelt, wo eine Silber- und eine Bronzemedaille für Vietnam vermerkt ist. In den Artikeln wird Wushu als Demonstrationssportart vermerkt, was es nachweislich nicht ist. Ob das nun von oben verordnete Erfolgsmanie, oder einfach nur Nichtwissen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Es wird aber wahrscheinlich noch bei kommenden Generationen für Verwirrung sorgen, wenn Vietnam 2012, 2016 oder gar noch 2024 der Meinung ist, man habe damals zwei Medaillen gewonnen. Wenn längst niemand mehr nachvollziehen kann, wo und wie dieser Fehler passiert ist.

2024 bin ich dann allerdings mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr in Vietnam.

Überraschung

Es war einer dieser Cartoons, in denen Tiere auftauchen. Ein ganz normaler Zeichentrickfilm für Kinder also. Trotzdem war der sechsjährige Junge irritiert. “Das ist nicht logisch”, sagte er, und zeigte auf die Mattscheibe.

Im Fernsehen war ein Bär zu sehen, der vor einer Schulklasse an der Tafel stand, und etwas erklärte. Nun, in der Tat: Bären im Klassenzimmer sind nicht ganz logisch. Der eine oder andere wird sich zwar an besonders behaarte Lehrer erinnern, aber zum echten Bär fehlt dann doch noch ein Stück.

“Nunja”, wandte die Mutter zögernd ein. “Auf den Bänken sitzen ja auch keine Menschen, sondern Tiere aus dem Wald.”

“Nein, nein”, sagte der Junge, und schüttelte den Kopf. “Die Frau Lehrerin ist ein Mann. Sowas gibt’s doch gar nicht.”

In der Tat: 80 Prozent aller Lehrer landesweit in Vietnam sind weiblich. Und derzeit angeblich sogar sämtliche Studenten, Verzeihung, Studentinnen an der Fakultät für Grundschul-Lehrer… äh… innen. Die ersten Experten sorgen sich jetzt, dass das unter vietnamesischen Kindern zu falschen Rollenvorstellungen und nachteiliger Erziehung führen könne. Vor allem Jungs seien in einer rein frauendominierten Umgebung benachteiligt, argumentieren Studien der UNESCO. Eine Argumentation, die konservative Vietnamesen wiederum mit den Köpfen schütteln lässt, weil ihrer Meinung nach Männer in der Erziehung nichts zu suchen hätten. “Männer sind nicht geduldig genug mit Kindern”, lautet beispielsweise ein Argument. Ein weiteres, besonders schönes: “Lehrer ist ein sehr einfacher Job. Deswegen ist er gut für Frauen, da können sie sich nebenbei noch um ihre Kinder kümmern.” Sagt ein Vertreter aus dem Bildungsministerium. Deutsche Lehrer hätten wahrscheinlich schon das Ministerium gestürmt, wenn ein deutscher Beamter so etwas sagen würde.

Vielleicht könnte Vietnam übrigens ein Blick ins Nachbarland Kambodscha schon helfen. Dort sind 60 Prozent aller Grundschullehrer männlich. Echte Bären sind allerdings sicherlich keine dabei.

Bildhauer-Reste

Todesstrafen-Reform

Im Juli hat das Ministerium für Öffentliche Sicherheit einen Vorschlag gemacht, für welche Vergehen Vietnam die Todesstrafe abschaffen sollte. Die Nationalversammlung wird in ihrer Herbstsitzung wohl darüber diskutieren.

Interessant ist an dieser Stelle einmal zu erfahren, auf welche Vergehen so alles eigentlich bislang die Todesstrafe noch steht: Als da wären - Schmuggel, Herstellung und Handel von gefälschten Lebensmitteln oder Medikamenten, Falschgeld-Vergehen, Drogenhandel, Flugzeug-Entführungen, Korruption, Bestechung, die Zerstörung militärischer Ausrüstung oder sonstiger Waffen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie Kriegsverbrechen, und, besonders schön: “Beteiligung an einer Invasion”.

Auf diese Vergehen soll künftig möglicherweise keine Todesstrafe mehr stehen, so dass nur noch die “gemeinsten und hinterhältigsten Verbrechen”, mit Todesstrafe bestraft würden. Welche das sind, würde mich dann doch interessieren, war aber so erstmal nicht zu erfahren. “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” würde ich nämlich erstmal durchaus dazu rechnen. Immerhin müssen noch mehr als ein Dutzend Straftaten übrig sein, denn derzeit beträgt die Zahl todesstrafenwürdiger Verbrechen 29 (sie lag mal bei 44 Delikten, Anfang der 90er).

Zu erfahren war noch, wie viele Menschen in Vietnam 2007 hingerichtet wurden: 95. Und, am Ende des Artikels, die Zahl der Staaten weltweit, die überhaupt noch die Todesstrafe verhängen: 64.

19. August

Vor 63 Jahren waren in Vietnam ein paar Dinge ähnlich wie heute. Beispielsweise litt das Land unter Inflation. Vietnam hatte nicht nur mehrere Jahrzehnte Kolonialzeit hinter sich, sondern auch noch einige Jahre Kriegsbesatzung durch die Japaner, die Vietnam als Rohstoff- und Nahrungsmittelbasis missbraucht hatten, und tonnenweise Lebensmittel nach Japan verschifften. Verständlicherweise stand es um die Währung nicht zum Besten. Und es gab starken Sommerregen.

Allerdings hatten die Japaner ein paar Tage zuvor kapituliert. Die Atombomben waren auf Hiroshima und Nagasaki gefallen, und der Pazifik-Krieg war zu Ende. In Hanoi herrschte die konfuse Stimmung eines Machtvakuums. Die Japaner waren am Ende, die Franzosen durch die Japaner entmachtet, und die alte vietnamesische Kaiserregierung unentschlossen, und durch die vergangenen Ereignisse (unter anderem ihre Kollaboration) stark diskreditiert. Keiner wollte oder konnte so recht die Macht übernehmen, und man behalf sich mit Versammlungen oder Komitees, die ausloten und diskutieren sollten, welcher Weg nun offen stand.

Es war der Moment, in dem die von Ho Chi Minh gegründete Vietminh als einzige politische Partei aktiv reagierte. Am 18. August drangen Demonstranten in die Hanoier Oper ein, wo gerade eines der Komitees über die Zukunft der provisorischen Regierung diskutierte. Sie hissten vom Balkon zum ersten Mal die heute gut bekannte rote Flagge mit dem gelben Stern und riefen die Bevölkerung zum Aufstand auf. Durch heftigen Sommerregen marschierten anschließend große Gruppen von erregten Demonstranten ziellos durch das Viertel.

Erst am darauffolgenden Tag wurde die Sache zielgerichtet. Abermals wurde die Flagge an der Oper gehisst, während eine Musikgruppe die Melodie spielte, die künftig die neue Nationalhymne werden sollte. Dann marschierten die Aufständischen auf die neuralgischen Punkte der Stadtverwaltung, und besetzen sie: Unter anderem die Polizei, das Gefängnis und den Palast des kaiserlichen Gesandten (der Kaiserhof selbst war schon seit einigen Generationen in Hue in Mittelvietnam). Es gab keinerlei Widerstand, denn es gab keine geordnete Kraft in der Stadt, die Widerstand hätte leisten können. Ein unblutiger Putsch in Hanoi läutete die Herrschaft des Vietminh und damit später der kommunistischen Partei in Vietnam ein. Auch wenn die ganze Angelegenheit, wie wir wissen, nicht unblutig blieb, und es noch ein langer Weg bleiben sollte, bis der vietnamesische Staat sich tatsächlich unabhängig nennen konnte.

Vietnam feiert den 19. August als “Augustrevolution”, und der Tag bildet den Auftakt für eine Reihe von Gedenktagen bis hin zum Nationalfeiertag am 2. September, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung.

Die Zeitungen feiern den Tag ebenfalls ausführlich mit Leitartikeln, allerdings herrscht die Tendenz vor, das eigentlich äußerst spannende Ereignis in Floskeln zu ertränken und zu versuchen, Verbindungslinien quer durch die Geschichte zu ziehen. Unter anderem von den Tagen damals zum Beitritt der WTO heute. Ich hab diese Verbingung nicht ganz verstanden, außer dass es beides Mal um Vietnam geht. Aber vielleicht war es ja auch genau das. Die Verbindung zum Sommerregen fiel jedenfalls niemandem ein.

Asiatische Namen

Asiatische Namen sind fürchterlich kompliziert. Sagen Europäer. Weil man nie genau weiß, wo jetzt eigentlich vorne und hinten ist. Heißt der Chinese da jetzt Lin Jun oder doch eher Jun Lin. Und die Vietnamesin, ist das Song Ha Do Thi oder doch eher Do Thi Song Ha? Da lobt sich jeder Europäer doch europäische Vornamen, da kann man sofort erkennen…

Kann man?

Man frage mal die Asiaten. Die sind von unserem System nämlich genauso verwirrt. Jedenfalls redet der Fernsehmoderator hier ständig von einer gewissen Steffen Britta, die zwei Goldmedaillen erschwommen hat.

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